Ich wartete bis zum nächsten Abend. Evan hatte einen langen Arbeitstag und war nach dem Abendessen schnell im Bett eingeschlafen – in unserem Bett. Er sah erschöpft aus, und ein Teil von mir fühlte sich schuldig für das Misstrauen, das ich gegen ihn hegte. Aber die nagende Angst war stärker.

Als die Digitalanzeige meines Weckers auf 1:07 Uhr sprang, schlich ich mich aus dem Schlafzimmer. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, ein dumpfer, unregelmäßiger Takt in der stillen Dunkelheit. Ich ging direkt in die Küche, holte mein Handy und verband mich mit dem versteckten Kameranetzwerk. Das Bild auf dem Bildschirm war körnig, aber klar genug.
Die Kamera, kaum größer als ein Zeigefinger, war geschickt zwischen zwei Stofftieren auf Emmas Regal versteckt. Sie zeigte Emmas kleines Bett, das von einem mintgrünen Steppbezug bedeckt war, und einen kleinen Teil des Raumes. Das orangefarbene Nachtlicht war an.
Zuerst sah ich nur Emma, die friedlich schlief, das Gesicht halb in ihrem Kissen vergraben, ein Arm nachlässig auf der Decke ausgestreckt. Ich atmete erleichtert aus. Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht war alles nur der Stress meiner Scheidung und die Überempfindlichkeit einer überängstlichen Mutter.
Fünf Minuten vergingen.
Plötzlich bewegte sich die Tür. Langsam, fast unhörbar, öffnete sie sich.
Mein Atem stockte.
Evan trat in den Raum. Er trug ein graues T-Shirt und Pyjamahosen. Seine Bewegungen waren so vorsichtig und leise, dass er fast geisterhaft wirkte. Er ging nicht wie ein Ehemann, der nach seinem Kind sehen wollte. Er bewegte sich wie jemand, der nicht ertappt werden wollte.
Er blieb am Fußende des Bettes stehen und sah Emma an. Sein Gesicht war im Schatten, aber ich konnte die Intensität seines Blicks spüren, selbst durch die Linse.
Er bückte sich nicht. Er küsste sie nicht. Er sagte kein Wort. Er stand einfach nur da. Die Minuten krochen dahin. Auf dem Bildschirm schien die Zeit stillzustehen, nur unterbrochen durch das leichte Rauschen des Videos.
Dann, nach gefühlten zehn Minuten, tat er etwas, das mich erstarren ließ.
Er kniete am Bett nieder, aber nicht in der Pose eines betenden Vaters. Er schob vorsichtig seine Hand unter Emmas Kissen. Er zog etwas darunter hervor.
Es war eine kleine, ausgefranste Decke, die sie von ihrer Großmutter bekommen hatte – Emma nannte sie immer “Schmuse-Decke”. Aber das war es nicht, was meine Hände zittern ließ. Es war das Objekt, das er vorsichtig aus der gefalteten Decke zog.
Es war ein kleines Notizbuch, mit einem dunklen, abgenutzten Ledereinband.
Evan öffnete es und begann, die Seiten umzublättern. Sein Blick war nun direkt auf das Buch gerichtet. Ich konnte sein Gesicht sehen, und es war nicht ruhig oder müde. Es war konzentriert, fast besessen. Die Linien um seine Augen waren tief, und er schien jede einzelne Zeile in diesem kleinen Buch aufzusaugen.
Was stand in diesem Notizbuch? War es Emmas Tagebuch? Aber Emma konnte kaum richtig schreiben!